Hygiene und Stigmatisierung. Von der Lepra bis EHEC – Walter Popp

Krankheit und Stigmatisierung von Infizierten gehen seit der Antike Hand in Hand. Der Mediziner Walter Popp vollzieht die Geschichte der Stigmatisierung(en) von den altbekannten Beispielen wie Pest oder Lepra bis hin zu „modernen“ Krankheiten wie EHEC, Schweinegrippe oder nosokomialen Infektionen nach. Die früher gesehenen Zusammenhänge zu göttlicher Strafe oder der Besessenheit von Dämonen werden in neueren Berichterstattungen eher durch eine Kriminalisierung Erkrankter ersetzt (wie etwa im Fall eines Tuberkulose-Infizierten-Ausbruchs aus einer Zwangseinrichtung in der Oberpfalz 2008). Die Ängste, die mit von Infektionskrankheiten Betroffenen zusammenhängen, bleiben also diffus im Hintergrund und die mediale Berichterstattung feuert sie in der Regel zusätzlich an. Und auch heute hat die Gerichtsbarkeit noch die Möglichkeit, im Falle eines Ausbruches bestimmter Krankheiten die Grundrechte extrem einzuschränken. Leprakranke werden im Mittelalter dabei noch tatsächlich für bürgerlich tot erklärt, sobald die Krankheit als diagnostiziert gilt (inklusive Totenmesse in Anwesenheit des „Leichnams“). Das anschließende „Aussetzen“ der Infizierten erklärt den Begriff „Aussatz“. Mit Einsatz von Antibiotika verliert die Lepra (in westlichen Ländern) ihren Schrecken. Nicht nur Lepra, sondern auch viele Geschlechtskrankheiten, zuvorderst Syphilis, führen zu Entstellungen, die Infektionen auch für Laien sichtbar machen. Die Ländernamen, mit denen die Syphilis bald markiert wird, zeugen bereits von der Propaganda, die mit Krankheit und Stigmatisierung einhergehen kann (je nach Land etwa „die deutsche Krankheit“, „spanische Krankheit“ oder „französische Krankheit“). Die im Mittelalter oder im Barock noch institutionell behandelten Krankheiten werden mit der Cholera Ende des 19. Jahrhunderts dann so sehr gefürchtet, dass die Kranken oft sich selbst überlassen werden. Die Angst vor Bakterien und Viren zieht sich von den damals beworbenen „Telefondesinfektoren“ bis zu angeblich antibakteriellen Gardinenstoffen in der heutigen Zeit. Mit Angst wird immer auch Geld gemacht. Aus der Romantisierung der Tuberkulose im 18. Und 19. Jahrhundert entsteht dabei sogar die lange anhaltende Mode der „Magermodels“ à la Twiggi. Bis in die 1970er Jahre werden Pockenkranke stigmatisiert, bis in den 1980er Jahren AIDS auftaucht und mit einem ganzen Konglomerat von Stigmatisierung einhergeht (man denke etwa an die Bezeichnung als „Schwulenpest“). Die Hysterie, die dann mit der Schweinegrippe und EHEC einhergeht, zeigt die Panik, die Infektionskrankheiten immer schon mit sich bringen (oder mit der sie medial aufgeladen werden).

Die klassischen Beispiele der Stigmatisierung von Patienten, die zum Teil mit der berechtigten Angst einhergehen, sich anzustecken, zu großen Teilen aber auch mediale Panikmache und die Angst vor dem Anderen generell belegen, tragen ein historisches Bild weiter, dass das andere Extrem, die Verharmlosung oder Vertuschung etwa der gewaltigen Gefahr, die von MRSA ausgeht, zu verdecken droht. Stigmatisierung bedeutet immer eine Gemengelage von medizinischen, medialen und gesellschaftlichen Interessen, in denen das infizierte Individuum in der Regel keine große Rolle mehr spielt.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: H. W. Ingensiep / W. Popp (Hrsg.): Hygiene und Kultur. Interdisziplinäre IOS-Schriftenreihe Band 2. Essen: Oldib-Verlag 2012.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *.

X

Wörterbuch der Hygieneaufklärung

Artikel in Großansicht